EU-Zölle und ACI: Droht jetzt ein Handelskrieg mit Tech-Folgen?

Vom Liberation Day zum Anti-Coercion Instrument (ACI)? Der aktuell drohende Handelskrieg zwischen USA und Europa könnte verheerende Folgen für europäische Unternehmen haben, die auf US-Technologien angewiesen sind. Trumps Verhängung von 20 % Zöllen auf EU-Importe am 2. April 2025 hat den Handelskonflikt zwischen den USA und der EU deutlich verschärft. Dies könnte der Beginn einer Eskalation sein, die weit über traditionelle Handelsgüter hinausreicht. Droht nun der Tech-Handelskrieg?
Vom Stahl zum Silicon Valley: Wie das ACI ins Spiel kommt
Die von Trump verhängten Zölle treffen zunächst primär physische Waren wie Autos, Stahl und Aluminium. Doch der Konflikt könnte schnell auf den digitalen Sektor übergreifen. Die EU hat bereits Gegenmaßnahmen im Wert von 26 Milliarden Euro angekündigt, doch diese könnten erst der Anfang sein.
So erwägt die EU, als "letzten Ausweg" das Anti-Coercion Instrument (ACI) gegen die USA einzusetzen. Konkret könnte das ACI genutzt werden, um US-Tech-Unternehmen den Zugang zum europäischen öffentlichen Beschaffungsmarkt zu erschweren – ein Markt, der jährlich rund 2 Billionen Euro (etwa 2,2 Billionen US-Dollar) umfasst. Dies würde bedeuten, dass amerikanische Technologieanbieter bei öffentlichen Ausschreibungen in der EU benachteiligt oder sogar ausgeschlossen werden könnten. Darüber hinaus könnten steuerliche und regulatorische Maßnahmen gezielt gegen digitale Plattformen aus den USA eingesetzt werden.
Anti-Coercion Instrument (ACI)
Das ACI trat 2023 in Kraft und gibt der EU ein rechtliches Rahmenwerk, um auf wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen von Drittstaaten zu reagieren. Es umfasst eine breite Palette möglicher Gegenmaßnahmen wie Zölle, Beschränkungen im Dienstleistungshandel, Einschränkungen bei geistigen Eigentumsrechten und den Ausschluss von öffentlichen Aufträgen, was US-Tech-Unternehmen den Zugang zum 2-Billionen-Euro-Beschaffungsmarkt erschweren könnte. Diese Maßnahmen sind darauf ausgelegt, wirtschaftlichen Druck auszuüben, um die Einhaltung internationaler Verpflichtungen zu fördern.
Bedrohte Infrastruktur: Wie europäische Unternehmen betroffen sein könnten
Für europäische Unternehmen, die auf US-Technologiedienste wie Cloud-Lösungen oder E-Mail-Dienste angewiesen sind, könnten die Folgen weitreichend sein. Zunächst dürften die Kosten steigen, da Tech-Giganten wie Apple, Google und Meta zusätzliche regulatorische Belastungen wahrscheinlich an ihre Kunden weitergeben werden. Gleichzeitig könnten Unsicherheiten im EU-US-Daten-Privatschutzrahmen zu rechtlichen Komplikationen beim Datentransfer führen – ein Problem, das besonders für datenintensive Geschäftsmodelle kritisch ist.
Im Extremfall könnte sogar der Zugang zu wichtigen Updates, Sicherheitspatches oder technischem Support eingeschränkt werden, was erhebliche Sicherheitsrisiken mit sich bringen würde. Nicht zuletzt stehen Unternehmen vor neuen Compliance-Herausforderungen, da sie ihre IT-Infrastruktur möglicherweise umfassend anpassen müssen, um veränderten regulatorischen Anforderungen gerecht zu werden.
Besonders kleine und mittelständische Unternehmen könnten überproportional betroffen sein, da ihnen oft die Ressourcen für kostspielige und schnelle IT-Umstellungen fehlen.
Dänische Vorreiter: Wie europäische Alternativen schon jetzt genutzt werden
Wer schon jetzt handeln will, kann sich ein Beispiel an Dänemark nehmen. Als Reaktion auf geopolitische Spannungen hat die dänische Gesundheitsversorgung bereits begonnen, ihre digitale Infrastruktur umzustellen. Eine strategisch wertvolle Entscheidung, um die Abhängigkeit von US-Technologien zu reduzieren.
Diese Entwicklung steht im Einklang mit den langfristigen EU-Bestrebungen für mehr digitale Souveränität. Die EuroStack-Initiative, die von über 100 EU-Organisationen unterstützt wird und den Aufbau einer europäischen Cloud-Stack-Infrastruktur vorantreibt, zeigt das wachsende Bewusstsein für die Notwendigkeit technologischer Unabhängigkeit. Was in Dänemark bereits passiert, könnte bald zum Standardvorgehen für Unternehmen in der gesamten EU werden – nicht nur als Reaktion auf akute geopolitische Spannungen, sondern als langfristige Strategie zur Risikominimierung.
Strategische Schritte für europäische Unternehmen
Um nicht vom "Day Zero" – also dem Moment, an dem US-Technologiedienste plötzlich wegfallen – überrascht zu werden, sollten europäische Unternehmen jetzt handeln:
- Risikobewertung durchführen: Analysieren Sie Ihre Abhängigkeit von US-Technologieanbietern und identifizieren Sie kritische Bereiche.
- Europäische Alternativen evaluieren: Prüfen Sie verfügbare europäische Optionen für Ihre IT-Infrastruktur und beginnen Sie mit Pilotprojekten.
- Datenmanagement überprüfen: Überdenken Sie Ihre Datenspeicherungs- und -verarbeitungsstrategien mit Blick auf mögliche Einschränkungen im transatlantischen Datenverkehr.
- Notfallpläne entwickeln: Erstellen Sie Strategien für den Fall, dass US-Dienste plötzlich teurer oder eingeschränkt werden.
- Investitionen in digitale Souveränität: Unterstützen Sie EU-Initiativen und europäische Technologieentwicklung als langfristige Strategie.
Ausblick: Zwischen Eskalation und Kooperation
Während die Situation dynamisch bleibt und Verhandlungen noch eine Deeskalation bewirken könnten, deutet vieles auf einen längerfristigen Trend zu größerer technologischer Autonomie in Europa hin. Das Anti-Coercion Instrument stellt dabei ein mächtiges Werkzeug dar, mit dem die EU ihre wirtschaftlichen Interessen verteidigen kann. Für europäische Unternehmen bietet die aktuelle Situation sowohl Risiken als auch Chancen: Diejenigen, die frühzeitig auf europäische Alternativen setzen, könnten nicht nur Risiken minimieren, sondern auch von einem wachsenden Markt für europäische Technologielösungen profitieren.